Trauma - Traumatherapie...

Einführung

Nicht immer führen schlimme Erlebnisse zu Traumata. Eine mitfühlende und erklärende Person kann u.U. helfen, das Schlimme zu verarbeiten. Sie kann helfen, die Erschütterung durch das Erlebte zuzulassen, zu durchleben und abklingen zu lassen. Oft aber fehlte diese Person!

Arbeit mit Traumata in meiner Praxis in Stuttgart

Ein Trauma ist also eine Überforderung der seelischen Verarbeitungsmechanismen. Es bewirkt eine seelische Spaltung. Der Schmerz des Traumas muss vom fühlenden Bewusstsein abgespalten werden, bzw. gelangt erst gar nicht dorthin, weil er unerträglich ist. Das sog. explizite oder narrative (normale) Gedächtnis bekommt oft nichts vom Trauma mit, nur noch das "implizite Gedächtnis", weshalb Schlüsselreize dann "flashbacks", einen Rückfall ins Trauma-erleben, auslösen können. Hier gibt es weitere Infos zu diesem Vorgang im Gehirn, der auch "dissoziative Amnesie" genannt wird.

Außerdem werden "gefährliche" Regungen und Verhaltensweisen unterdrückt, z.B. Weinen, Schreien, Wut, eigene Wünsche und Bedürfnisse, Streben nach Unabhängigkeit und Selbständigkeit, Nachfragen nach Tabu-themen. 

Die Abspaltung hilft, zu überleben. Allerdings besteht die Spaltung auch dann fort, wenn das Trauma bzw. die Gefahr vorüber ist. Sie schränkt die Wahrnehmungs- und Verhaltensmöglichkeiten ein, raubt seelische Kraft und drückt sich oft in in körperlichen und seelischen Symptomen aus, deren Zusammenhang mit dem Ursprung häufig gar nicht mehr gesehen und gespürt wird, wie Überforderung, innere Leere, sich ausgeschlossen fühlen, Antriebslosigkeit, starke Verletzlichkeit, Gefühllosigkeit, Ängste aller Art. 

Das Selbstwertgefühl wird in Mitleidenschaft gezogen, existentielle Unsicherheit und Fremdheitsgefühle (nicht wissen, wo man dazu gehört) können auftreten. 

Da die Seele unbewusst nach Ganzheit und Integration strebt, inszenieren sich traumatische Situationen (z.B. Übergriffe) im Leben immer wieder, wie unter einem Wiederholungszwang. Dieser Zwang kann erst durch die Arbeit mit dem Trauma aufgelöst werden.

Daher ist es wichtig, an den Anfang der Traumatisierung zu kommen. Hier gibt es mehrere Möglichkeiten:

  • aus früheren Generationen (Eltern, Großeltern, Urgroßeltern) sog. mehrgenerationale Traumata (Wikipedia-Artikel). Da traumatisierte Eltern emotional für ihre Kinder nicht richtig da sein können, geben sie ihre eigenen Traumata - unbewusst und ohne es zu wollen - auch an ihre Kinder weiter, oft über mehrere Generationen hinweg. Dies geschieht vor allem über die Mutter-Kind-Bindung.
  • vorgeburtliche/ die Zeit der Schwangerschaft betreffende, sog. pränatale Traumata, z.B. ungewollte Schwangerschaft / Ablehnung durch die Mutter, Trennung des Vaters von der Mutter, Vergewaltigung als Anfang oder während der Schwangerschaft, Abtreibungsversuche, belastende Erlebnisse der Mutter
  • die Geburt selbst betreffende, sog. perinatale Traumata, z.B. Komplikationen (Sauerstoffmangel, Nabelschnur um den Hals), Frühgeburt, Kaiserschnitt, unnötige und / oder Schmerzen verursachende Maßnahmen wie Zangengeburt
  • nachgeburtliche, sog. postnatale Traumata z.B. Beschneidung, Trennung von der Mutter, Vernachlässigung, Gewalt, verbale und nonverbale Abwertungen, die wiederum negative Einreden zur Folge haben.

Meist haben Traumata eine mehrgenerationale Komponente bzw. Vorgeschichte. In diesem Fall liegt ein sog. "Symbiosetrauma" vor, d.h. die Eltern, v.a. die Mutter, geben über die Bindung zum Kind das eigene Trauma (z.B. Kriegstrauma) weiter. Da das Kind auf Bindung angewiesen ist, und sei sie noch so mangelhaft, kann es sich nicht davon distanzieren. Im Zweifelsfall sieht es nicht den Mangel der Eltern, sondern sieht sich selbst als mangel- und fehlerhaft an. Vortrag mit Folien und Video über das Symbiosetrauma (funktioniert leider nicht mit allen Browsern, bei mir geht es mit Firefox)

Von Symbiosetraumata sind nicht nur, aber sehr häufig Kriegskinder und Kriegsenkel betroffen (siehe Literatur von Bettina Alberti, Udo Baer und Gabriele Frick-Baer, Sabine Bode, Matthias Lohre, Hilke Lorenz,  Luise Reddemann, Michael Schneider und Joachim Süss, Anne-Ev Ustorf, u.a.)

Ein Symbiosetrauma kann viele Symptome nach sich ziehen, u.a. auch ADHS (ADS)

Arbeit über Adhs und Trauma (Autorin: Christina Freund) (178,5 KB)

 (PDF-Dokument). 

ADS / ADHS test für Erwachsene 

Weitere Literatur siehe unten (Franz Ruppert).

In der Traumatherapie arbeite ich mit drei Persönlichkeitsanteilen oder -modi, deren Charakteristika hier beschrieben werden:

Der Überlebensanteil oder "Wächter" bzw. "Manager"

Er ist meist aktiv, zupackend, "funktionierend". Er verkörpert Stärke, Unerschütterlichkeit und wertet zugleich Schwäche ab. Entweder werden Probleme verharmlost, oder ganz geleugnet. Eine Veränderung hält er von vornherein für unnötig, da es ihm ja "gut" geht. Falls die Probleme (z.B. in einer Krise) nicht mehr zu leugnen sind, kann er gleichzeitig paradoxerweise überzeugt sein, dass es keine Hoffnung auf positive Veränderung im Leben (z.B. durch Therapie) für ihn gibt. Er nimmt insofern eine "Opferhaltung" ein und stabilisiert sich selbst (selbsterfüllende Prophezeiung). Diese Selbststabilisierung kann auch durch Suchtmechanismen oder ein körperliches Symptom geschehen. Dies alles sind Schutzmechanismen, mit denen der Überlebensanteil die Person vor dem Zuviel des Traumas schützen will.

Schulz von Thun nennt diese Anteile die "Vordermannschaft".

Der Traumaanteil oder der "Verbannte"

Er wird in den "Keller" der Seele abgeschoben. In ihm ist der alte Schmerz der Traumaerfahrung gleichsam "eingefroren". Er leidet darunter, vom Überlebensanteil abgelehnt und verdrängt zu werden. Solange er nicht gesehen und erlöst wird, wiederholt sich das Ur-trauma (z.B. Verlassen werden) im Leben immer wieder. Es braucht oft viel Mut, den alten Schmerz anzuschauen und auszudrücken, zugleich wirkt es befreiend, weil es hilft, sich besser zu verstehen.

Schulz von Thun nennt diese Anteile das "Schattenkabinett".

Der gesunde "Selbst" hat Selbst-Mitgefühl!

Er kann lernen, zu unterscheiden, in welchem Persönlichkeitsmodus man sich gerade befindet. Er kann die Abwehr und die Hoffnungslosigkeit des Überlebensanteils in Frage stellen. Er unterstützt die Annäherung an den Schmerz des Traumas und so den Heilungsprozess. In der therapeutischen Arbeit kann das "Selbst" sich im Anliegen des Klienten zeigen, wenn dieser nicht mehr vom Überlebensanteil dominiert ist. Das Selbst ist u.a. erkennbar an seinem Mitgefühl den Anteilen gegenüber. 

Trauma-Aufstellungen / Aufstellungen auf der Grundlage der Bindungs- und Traumatheorie bzw. Aufstellungen mit dem "Anliegen"

Sie sind hervorgegangen aus der Familienaufstellung / dem Familienstellen.

In der Gruppe stellt die aufstellende Person zunächst eine/n Stellvertreter/in für ihr Anliegen auf. Diese/r beginn dann, aus ihren aufsteigenden Empfindungen heraus zu reden und zu agieren. 

Hier zeigt sich, ob ein guter Kontakt zwischen beiden besteht. Gegebenenfalls werden weitere Stellvertreter des inneren Systems hinzugenommen (Wächter oder Verbannte). 

In der Einzelarbeit geschieht die Traumaaufstellung anfangs ähnlich wie in der Gruppe (Therapeut als Anliegen), dann mit Symbolen (z.B. Kartons, die mit Genogramm-symbolen beschriftet sind) für die aufgestellten Symptome oder Stellvertreter. Der Klient stellt sich nacheinander auf die Symbole und fühlt sich in die betreffende Position und Rolle ein. Die dabei auftretenden Gefühle, Körperempfindungen, inneren Bilder und Gedanken liefern wertvolle diagnostische Hinweise im Blick auf das aufgestellte System. 

In den Traumaaufstellungen kann sich auf diese Weise der Sinn und die Ursache der Symptome zeigen. Manchmal hält der Überlebensanteil hartnäckig an seiner Strategie fest. Im günstigen Fall kann sich die aufstellende Person ihrem Traumaanteil nähern und sich von seinem Schicksal berühren lassen. Dies kann klärend, erleichternd und heilsam wirken und kann nach und nach die durch das Trauma entstandene Spaltung aufheben. Die Person wird vollständiger, kommt mehr zu sich selbst. Die verschütteten Quellen der Lebensfreude können wieder fließen. 

Eine Anmerkung: mir scheint, dass bei manchen "Aufstellungen nach Bert Hellinger" seelische Prozesse (von denen man zwar hofft, dass sie im Nachhinein angeregt werden) übersprungen werden, z.B. im Blick auf das Anerkennen, "Ehren" oder Vergeben gegenüber den Personen, die uns Schlimmes angetan haben. Meine Überzeugung ist, dass diese Prozesse oft viel Zeit brauchen und dass eine vorschnelle "Ehrung" oder Vergebung mehr zudeckt als heilt. 

Wenn ich Trauma-aufstellungen hier in Stuttgart oder anderswo leite, suche ich den Weg mit den beteiligten Vertretern des Systems zu erarbeiten.

Allgemein ist es mir in der psychotherapeutischen Arbeit mit Menschen, die traumatisiert sind, sehr wichtig, achtsam und behutsam vorzugehen. So kann der Zugang zu eigenen Gefühlen allmählich wieder hergestellt werden, Ängste und Misstrauen können abgebaut werden, das Selbstwertgefühl kann wachsen. 

Traumatischer Stress kann übrigens sogar DNA-schäden verursachen, an sog. mononuklearen Zellen (Leukozyten) des Immunsystems. Eine Studie (veröffentlicht in der Fachzeitschrift Psychotherapy and Psychosomatics 83, 2014, 289-97) zeigte: Psychotherapie kann diese DNA-schäden verringern. Auch nach einem Jahr war der Effekt nachweisbar, die Schäden hatten sich sogar weiter verringert. 

Psychologie heute, 08/2016, 46-49

Podcasts

HR2-kultur, Doppel-Kopf, Gespräch mit Franz Ruppert, Traumaaufstellungen (20,8 MB)

HR2 Funkkolleg Psychologie - Frühe Bindungen

ORF Focus von 27.72013: Franz Ruppert - „Gesunde Autonomie und Scheinautonomie“

Links und Literatur

Bettina Alberti, Die Seele fühlt von Anfang an: Wie pränatale Erfahrungen unsere Beziehungsfähigkeit prägen. Mit einem Vorwort von Ludwig Janus

Helga Häsing, Ludwig Janus, Ungewollte Kinder. Annäherungen, Beispiele, Hilfen. Eine umfangreiche Aufsatzsammlung 

Wolfgang Hans Hollweg, Von der Wahrheit, die frei macht. Erfahrungen mit der Tiefenpsychologischen Basis- Therapie. Eine Regressionstherapie zur Bearbeitung pränataler und perinataler Traumata

Luc Nicon, Befreit von alten Mustern. Tipi - eine Körperreise zum Ursprung unserer Emotionen und Ängste. Zur Auflösung von Depressionen, Panikattacken und Phobien, von Hemmungen, Reizbarkeit und anderen Zuständen, die das Wohlbefinden verhindern. (Die Ursachen liegen oft in der pränatalen Zeit!)

Jochen Peichl, Innere Kinder, Täter, Helfer & Co: Ego-State-Therapie des traumatisierten Selbst Für Fachleute und interessierte Laien

Rüdiger Posth, Vom Urvertrauen zum Selbstvertrauen: Das Bindungskonzept in der emotionalen und psychosozialen Entwicklung des Kindes 

Franz Renggli, Das goldene Tor zum Leben. Wie unser Trauma aus Geburt und Schwangerschaft ausheilen kann

Franz Ruppert, Trauma, Angst und Liebe. Unterwegs zu gesunder Eigenständigkeit. Wie Aufstellungen dabei helfen

Franz Ruppert, Symbiose und Autonomie: Symbiosetrauma und Liebe jenseits von Verstrickungen (2010)

Franz Ruppert, Seelische Spaltung und innere Heilung: Traumatische Erfahrungen integrieren (2007)

Franz Ruppert, Trauma, Bindung und Familienstellen. Seelische Verletzungen verstehen und heilen (Leben Lernen 177) (2005)

Franz Ruppert, Verwirrte Seelen (2002)

Richard C. Schwartz, Systemische Therapie mit der inneren Familie Für Therapeuten und Interessierte

Richard C. Schwartz, IFS Das System der Inneren Familie: Ein Weg zu mehr Selbstführung Für Interessierte Laien

Evelyne Steinemann, Der verlorene Zwilling: Wie ein vorgeburtlicher Verlust unser Leben prägen kann

Henry Tietze, Botschaften aus dem Mutterleib 

Thomas Verny, Das Seelenleben des Ungeborenen. Wie Mütter und Väter schon vor der Geburt Persönlichkeit und Glück ihres Kindes fördern können

John G. Watkins, Helen H. Watkins, Ego-States - Theorie und Therapie: Ein Handbuch Für Fachleute und interessierte Laien

Online-Persönlichkeitstests (englisch)