Zum Begriff der Störung

Den Begriff der “Störung” finde ich problematisch. Meist erleben Klienten ihn als Zuschreibung durch andere (Therapeuten, Ärzte). Oft löst er Selbstbeschreibungen aus wie “ich habe eine Störung” oder “ich bin gestört”, “ich bin nicht normal / richtig”, “ich bin nicht in Ordnung”. Die Menschen fühlen sich ausgegrenzt aus der Gemeinschaft der “Normalen”, “Gesunden”. Diese Zuschreibung verletzt außerdem das Selbstwertgefühl, kann kränken und beschämen.

Eher möchte ich von Symptomen sprechen. Symptome entstehen durch kreative Anpassungsleistungen des Organismus. Jedes Symptom hat also seinen Sinn und seine Aufgabe, und es ist wichtig, dies wahrzunehmen und zu würdigen. Nicht das “Wegkurieren” von Symptomen (wie es z.B. durch Verhaltenstherapie möglich ist) ist das vorrangige Ziel der Gestalttherapie, sondern der Aufbau von Selbstunterstützung und Selbstbestimmung. Sie machen das Symptom “überflüssig”, weil das Selbst neue Wege findet, die Aufgaben wahrzunehmen, die das Symptom bisher übernommen hatte.

Bei Ängsten und Paniksymptomen etwa geht es um die Abgrenzung (Distanzierung) von etwas, das als “fremd” empfunden wird. Das Symptom sorgt nun “automatisch” für die Abwehr bzw. Vermeidung des Beängstigenden - der Betroffene ist nicht mehr frei, eine Zuwendung zum angstauslösenden Objekt ist nicht möglich:

“Die gestalttherapeutische Betrachtung klinischer Angst (Panik, Phobien) führt zu dem Ergebnis, sie vorrangig als ein Beziehungsproblem bzw. als eine Besonderheit der Kontaktgestaltung zu behandeln.”

(aaO 1111)

Abgrenzung ist nun eine wichtige und notwendige Ich-funktion, und es geht darum, die Angstreaktion zu entautomatisieren. Dazu ist die Beziehungsebene zum Therapeuten wichtig. In dieser Ebene kann die bewusste Regulierung von Nähe und Distanz eingeübt werden. Es wird möglich, aus dem Dilemma von dem Wunsch nach Autonomie (“Freiheit”) und dem Wunsch nach Sicherheit durch Zugehörigkeit (“Unfreiheit”) heraus zu finden.

Ziel ist die verbesserte Wahrnehmung der eigenen Gefühle, insbesondere in Beziehung zu anderen. In Gestaltdialogen (Rollenspielen) kann Kontakt zu den abgespaltenen Teilen der Angst aufgenommen werden. Wichtig ist aber auch das Erforschen von Bedürfnissen, Wünschen und Gefühlen außerhalb des Angstbereichs, um ein neues Selbstbild zu entwickeln: “Ich habe nicht nur Ängste, ich bin mehr als sie.”

vgl. Butollo, Willi und Maragkos, Markos, Gestalttherapie und empirische Forschung, in: Fuhr, Handbuch der Gestalttherapie, 1110ff

Immer mehr psychotherapeutisch Arbeitende erkennen die Bedeutung der Familie / des familiären Hintergrundes. In der stätionären Psychiatrie ist es allerdings so, dass 23 der Psychiater nicht wissen, ob ihre Patienten Kinder haben, 80 % führen nie ein Gespräch mit einem Angehörigen. Kinder und Angehörige sind jedoch Mitbetroffene.

Quelle der Zahlenangabe: WDR-Radiosendung “Leonardo” vom 16.4.2009