Schwere Erkrankungen

Die Diagnose, schwer krank zu sein, kann - besonders wenn sie uneinfühlsam vermittelt wird - allein schon traumatisch sein. Die Krankheit selbst (Krebs, AIDS / HIV, Multiple Sklerose (MS), …) ist ein vielfacher Belastungsfaktor: Lebenspläne werden zunichte gemacht, Krankenhausaufenthalte, Belastungen für Angehörige / Partner, finanzielle Probleme, und vor allem die seelische Anspannung: Wie und wie lange werde ich noch weiter leben?

Oft wird zu wenig erkannt, welch wichtige Rolle die seelische Bewältigung solcher multifaktorieller Belastungen für die Lebensqualität spielt.

“Vom Gelingen oder Mißlingen eines solchen Bewältigungsprozesses hängt nicht nur das subjektive Wohlbefinden oder Leiden des Patienten (Lebensqualität) ab, sondern sogar die Besserungsrate oder Überlebensquote. In den bekannten Untersuchungen von Spiegel (1989) konnte nachgewiesen werden, daß diejenigen an metastasierendem Brustkrebs erkrankten Frauen, die in einer Gruppenpsychotherapie eine starke psychosoziale Unterstützung im Umgang mit ihrer Krankheit erfuhren, nicht nur eine wesentlich bessere Lebensqualität beschrieben, sondern im Durchschnitt auch rund doppelt so lange lebten wie die unbehandelten Patientinnen”

Rudolf, Gerd, Psychotherapeutische Medizin, Stuttgart 1996(3), 5

Nicht nur für AIDS, sondern auch für andere schwere Erkrankungen gilt:

“Wie zahlreiche Untersuchungen belegen, hilft besonders Psychotherapie dabei, mit den vielfältigen Belastungen einer HIV-Infektion fertig zu werden. Einige Beispiele: Psychotherapeutische Krisenintervention kann nach dem Schock der Diagnose das Schlimmste - etwa Suizid - verhindern, starke Ängste reduzieren, Depressionen vorbeugen und psychisch stabilisieren. Kurzzeitinterventionen unterstützen dabei, sich aktiv Hilfe zu suchen, ein soziales Netzwerk aufzubauen und mit Angehörigen offen über die Infektion zu sprechen. Längere Therapien können helfen, wichtige Lebensfragen aufzuarbeiten, die Diagnose zu akzeptieren, neue Ziele zu setzen und einen Lebenssinn zu finden.”

Psychologie heute, Mai 2004, 57

“Körperliche Erkrankungen werden häufig von psychischen Symptomen begleitet. Umgekehrt können körperliche Symptome auf eine psychische Erkrankung, z.B. eine Depression oder eine Angsterkrankung hinweisen, ohne dass eine körperliche Ursache vorhanden ist. Bei Menschen, die wegen körperlichen Erkrankungen in Behandlung sind, besteht ein erhöhtes Risiko, dass auch eine psychische Störung vorliegt. Nach Schätzungen von Experten müsste eigentlich bei ca. jedem siebten Krankenhauspatient ein Psychiater und Psychotherapeut hinzugezogen werden. Nach Untersuchungen von Prof. Volker Arolt aus Münster würden jedoch nur ein Viertel dieser Patienten überwiesen.”

Information der Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) vom 8. Okt 2004