Nachgeburtliche Traumata

Nachgeburtliche Traumata

Anmerkung zur Traumatherapie: die Einführung und wie ich mit Traumata arbeite, können Sie  nachlesen.

Wenn Eltern nicht verstehen, was für die seelische Entwicklung ihres Kindes wichtig ist, reagieren sie leicht unangemessen. Dies kann (wenn es immer wieder geschieht) das Kind verletzen und seine gute Entwicklung behindern. 

Traumata im Säuglingsalter

Damit deutlich wird, welche Erfahrungen für Säuglinge traumatisierend sein können, habe ich hier einige Informationen zur frühkindlichen Entwicklung aufgeführt:

Wie Rüdiger Posth Vom Urvertrauen zum Selbstvertrauen: Das Bindungskonzept in der emotionalen und psychosozialen Entwicklung des Kindes; Waxmann, Münster/New York/München/Berlin 2007 darlegt, wird das Schreien des Säuglings oft falsch verstanden. Er unterscheidet die Schreiformen Ärger- / Wutschrei, Signal- /Notschrei (Geburt, Hunger, Durst, nasse Windel), den Urangstschrei (Unheimlichkeit, Stimmungsangst; falls Bezugspersonen auf die vorigen Schreiformen nicht oder nicht angemessen reagieren, steigert sich das Kind in diese Angst hinein). Ein Säugling ist zur eigenen Gefühlsregulation (Selbstberuhigung) nicht in der Lage, er braucht dazu eine einfühlsame Bezugsperson (Mutter / Vater). Gelingt die Beruhigung, wird als "Ko-Regulation" bezeichnet. 

Das Schreienlassen führt nicht zur Beruhigung, sondern zu vermehrtem Schreien, allenfalls zur völligen physischen Erschöpfung, allerdings mit fatalen seelischen Folgen:

"Es ist ... mindestens ein sehr hohes Risiko, seinen kleinen, auf die Eltern und Bezugspersonen extrem angewiesenen Säugling schreien, was soviel heißt wie leiden zu lassen. Neben der akuten Vernachlässigung der realen Bedürfnisse, die per se nicht gesund sein kann, ist es ein Risiko auch deswegen, weil die im Säugling kumulierenden Angstgefühle durch seine Unfähigkeit, innere Spannungen zu bewältigen, verdrängt werden müssen und dadurch das Unterbewusstsein zunehmend belasten. Dort könnten sie dann leicht zu einer Hypothek für das spätere Leben werden. Eine Gefahr ist das Schreienlassen auch deswegen, weil die inneren Ordnungsstrukturen im Säuglingsgehirn durch Synapsenentstehung, -gestaltung und Synapsenreduktion behindert werden... und möglicherweise sogar dauerhaft geschädigt werden können."

(Posth, aaO, 67) 

Die Angstzustände prägen sich also immer tiefer ins Gehirn ein, es entsteht eine Traumatisierung mit einer erhöhten Anfälligkeit für Ängste, sowie eine rasche Erschöpfbarkeit. 

Er reicht nicht, die Hand des Säuglings zu halten, er muss hochgenommen, herumgetragen, evtl. gestillt / gefüttert werden sowie einfühlsam angesprochen werden.

"Die Befriedigung von basalen Bedürfnissen des Säuglings ist... ein wichtiges Prinzip zur Herstellung einer soliden und damit sicheren Bindung zwischen Eltern und Kind" 

(aaO, 97). 

Das in seinen Bedürfnissen und Gefühlen gesehene und Kind entwickelt mit Hilfe der Mutter zunächst ein "Leih-selbst". Durch Einfühlsamkeit "spiegelt" die Mutter dem Kind zurück, wie sie es (verstehend) wahrnimmt und hilft ihm, so, auch schwierige Gefühle zu regulieren.

Diese Ko-Regulation der Gefühle durch die Bezugsperson gelingt freilich deswegen oft nicht, weil diese selbst traumatisiert und damit emotional überfordert ist: 

"Vielfach untersucht und beschrieben ist die Tatsache, dass depressiv gestimmte Mütter große Schwierigkeiten haben, den wichtigen mimischen, stimmlichen und körperlichen Kontakt zu ihrem Säugling in ausreichender Form herzustellen, was im Einzelfall zu Bindungsstörungen  führen kann. In solchen Fällen ist eine psychologische ... Behandlung ... unbedingt erforderlich." Wer selbst als Kind emotinal vernachlässigt war, dem mangelt es an inneren Ressourcen, so dass schon die normalen Ansprüche des Säuglings als unangemessene Forderung empfunden werden."

(aaO, 98)

Die Mutter-Kind-Beziehung kann zu einer sicheren, einer unsicher-vermeidenden, unsicher-ambivalenten oder desorientiert /dissoziativen Bindung beim Kind führen. 

Die Bindungsforschung hat "Feinfühligkeit" als den entscheidenden Faktor identifiziert, damit das Kind eine sichere Bindung entwickeln kann. Dazu gehörenn folgende vier Faktoren: 

- dass die Bezugsperson die kindlichen Signale aufmerksam wahrnimmt

- sie richtig interpretiert

- angemessen und 

- prompt reagiert

Es ist erwiesen, dass häufig wechselnde Bezugspersonen, wie etwa in Kinderheimen, keine gute und sichere Bindung ermöglichen. 

Manchmal fühlen Eltern sich von ihrem Säugling tyrannisiert. Dies ist gefühlsmäßig nachvollziehbar (besonders bei Überforderung. Doch unterstellt "Tyrannisierung" absichtsvolles Handeln, dazu ist der Säugling noch nicht in der Lage! Die Rede vom "kleinen Tyrannen" ist im Kleinkindalter (bis 1 1/2 oder 2 Jahren) eine tragische Fehldeutung. Eltern fühlen sich dann persönlich "angegriffen" (sie meinen es ja gut), wenn das Kind trotzt. Sie reagieren evtl. schimpfend, strafend, ablehnend, wütend, was bis zur Misshandlung des Kindes führen kann. 

Ein Zitat, wie es zur Misshandlung von Säuglingen und Kleinkindern kommen kann: Eine Mutter, die ihr Kind viel geschlagen hatte, sagte: 

"Ich habe nie in meinem Leben Liebe gefühlt. Als das Baby geboren war, dachte ich, es würde mich lieben. Als es schrie, bedeutete dies für mich, es liebt mich nicht. Darum schlug ich es." 

Häsing, 239. 

Diese Mutter hatte versucht, ihr Kind emotional zu gebrauchen. Man spricht auch von "emotionalem Missbrauch", "emotionaler Gewalt", "Parentifizierung". Ein Elternteil macht sich zum Kind, das Kind soll für den Elternteil sorgen. Andere Formen dieser Gewalt siehe "spätere Traumata". 

Die folgende Tabelle versucht, die Willensentwicklung näher zu erklären:

Entwicklung des Willens

Phasen

Inhalt

Charakterisierung und mögliche Probleme

 Alter

1. Bindung unwillkürliche Bedürfnisäußerungenduldet keinen Aufschubbis 1J
2. Widerstand "Vorwille", Drang Zwanghaftes Beharren; Veränderungen wirken irritierend; "mal dies, mal das" - noch keine Entscheidungsfähigkeit! 1-1,5J
3. Loslösung und Trotz Widerstand und Verneinung - dienen der Identitätsfindung! Aufbau einer (2.) Bindung zum Vater ermöglicht beginnende Selbstständigkeit Elterliches "Nein" wird zunächst als Spiel verstanden, nicht als Grenze. Versucht die Mutter die Loslösung zu verhindern, kann dies zu Aggressivität oder zu Rückzug des Kindes führen. 1,5 bis 3J
4. Stabilisierung des SelbstGewinnen von Selbstkompetenz, Selbstbewusstsein, Selbstregulationskraft im Blick auf die eigenen Gefühle, innerer (positiver) Stolz überwiegt Schamgefühle  Elterliche Strenge und Härte verstärken negative Symptome - über 4J

(Post, aaO 150ff)

Umgang mit dem Trotz

"Ein stark trotzendes Kind befindet sich in einem psychischen Ausnahmezustand! Es muss mit besonderer Vorsicht und allem Respekt vor seiner inneren Not behandelt werden." 

(aaO, 220)

Zu diesem Respekt gehört elterliche Versöhnungsbereitschaft, das grundsätzliche Annehmen des Kindes trotz seines Trotzes. 

De-eskalation bedeutet, nicht mit Strenge auf einen Trotzanfall zu reagieren, sondern das Kind abzulenken und ihm evtl. Alternativangebote zu machen. 

Lob und Kritik - Stolz und Scham

Angemessenes Lob fördert den Selbstwert des Kindes, es lernt, stolz auf sich zu sein. Dieser Stolz ist wichtig und gesund und nicht zu verwechseln mit Arroganz, die erst später entsteht und immer mit Abwertung der anderen verbunden ist.

"... eine sichere Bindung und gelungene Loslösung führen zu stolzen und selbstbewussten Kindern,
eine unsichere Bindung und erschwerte, das heißt stark ertrotzte Loslösung eher zu schamvollen, selbstunsicheren." 

(aaO, 275) 

Tadel kann das Kind leicht beschämen. 

"Beim Tadel sollte wegen der Verletzbarkeit des frühen Selbst immer nur die 'Sache', das heißt also die Handlung, kritisiert werden und nicht direkt das Kind selbst, da ein Kind negative Kommentare 'in emotionaler Eigenregie' regelmäßig in innere, selbstabwertende Gefühle umwandelt, manchmal unter Nichtbeachtung der eigenen Ertragensfähigkeit." 

(aaO, 260) 

So entwickeln sich Einreden, die den Selbstwert schädigen, z.B. "Ich bin böse".

Stolz führt zuScham führt zu
Innerer AusgeglichenheitSelbstschutz
Durchsetzungskraft, SelbstbewusstseinUnsicherheit, Abwehr von Kritik
SelbstregulationsfähigkeitInnerem Leidensdruck

(nach aaO, 274)

Entwicklungstendenzen im Koordinatensystem mit den Achsen Scham (nach oben) <--> Stolz (nach unten) und Bindung (nach links) <--> Loslösung (nach rechts) 

mehr ^ Stolz

<-- mehr ständig lobende und rückbindende Mutter (evtl + abwesender Vater) --> unausgewogenes Selbst mit Neigung zur Grandiosität einfühlsame Mutter und Vater --> ausgewogenes Selbst Richtung

Bindung schwacher Vater, beschämende Mutter --> ambivalent unausgewogenes Selbst starker, aber verletzender Vater --> unausgewogenes Selbst mit Minderwertigkeitsgefühlen mehr --> Loslösung

mehr v Scham

(nach aaO, 276.286)

Trauer

Wenn ein Kleinkind gestraft wird (mit Sich-Abwenden, Anschreien, Missachtung, Liebesentzug, Schlägen, Wegsperren), tritt neben die Scham die Trauer über das Abgelehntsein und die eigene Unterlegenheit. Trauern (Weinen) ist für das Kind heilsam, wenn es bereits über eine gewisse innere Stärke und Unabhängigkeit verfügt (aaO 273-5). 

Fremdbetreuung

Fremde Umgebung und ein wenig gefestigtes Selbst erschweren den Übergang zur Betreuung durch eine Ersatzbezugsperson. Da der Moment der Trennung am schwersten ist, ist es am besten, 

"wenn die Abschiedssituation so gestaltet ist dass es selbst die Mutter oder den Vater verlassen kann und nicht von ihm oder ihr verlassen wird... Wird es jedoch von einem der beiden in der passiven Lage zurückgelassen, begehrt es trotzig dagegen auf. Es leidet an dem Gefühl, zurückgestoßen zu sein (Trennungstrauma)" 

(aaO, 304)

Das Argument, das Kind höre ja oft schnell auf zu weinen, zählt für Posth nicht, er bewertet dieses Vorgehen kritisch: 

"Das derart in Bedrängnis geratene Kind muss sich zwangsläufig - über kurz oder lang - der Situation anpassen, dabei aber seine wahren Gefühle unterdrücken und schließlich verdrängen... Diese Überlebensstrategie von kleinen Kindern erlebt man auch in sehr viel dramatischeren Zusammenhängen, z.B. dem Verlust der Eltern im Krieg oder bei Katastrophen." 

Hier wird die Spaltung in Überlebens- und Traumaanteil beschrieben! Wenn Erziehende an die Unschädlichkeit solcher Trennungserfahrungen zu glauben, fallen sie einer Selbsttäuschung zum Opfer - zum Nachteil des Kindes. Das Kind erwirbt eine vermeidende Haltung mit innerem Rückzug (aaO, 305). Wenn es nicht viele positive Selbstanteile hat, glaubt es, der elterlichen Unterstützung nicht wert zu sein. Da das Kind die Schuld dafür wieder bei sich sucht, vertiefen sich seine Schamgefühle (aaO, 306).

Podcasts u.a. Links

HR2 Funkkolleg Psychologie - Frühe Bindungen 22.12.2008

Ruppert, F. und Freund, Ch., Hyperaktivität und ADHS. Erkenntnisse über die Ursachen der Unruhe von Kindern aus zwei Aufstellungsseminaren, in: Praxis der Systemaufstellung. Beiträge zu Lösungen in Familien und Organisationen (1/2007),74-82 (Word-Dokument, 112 KiB)

SWR-sendung "Vom Trauma zur Sucht. Wie sich Kriegserfahrungen auswirken" 30.11.2008 (PDF-dokument)

ORF-Sendung "Fabienne Becker-Stoll: Bindung und Vertrauen von Kindern" 09.03.2013 Anhören

ZEIT-Artikel von Jeannette Otto vom 20.6.2013 Nr. 26 Traum und Trauma - Adoptivkinder

ZEIT-Artikel von Jeannette Otto vom 20.6.2013 Nr. 26 Schwere Geburt - Stress im frühen Kindesalter