Einführung
Definition
Wikipedia definiert "Trauma" so:
"Als Trauma (v. griech. 'trauma'; 'Wunde'; Pl.: 'Traumata') wird jede von außen einwirkende Verwundung (Läsion) der körperlichen oder seelisch-psychischen Integrität bezeichnet.
Treten dabei mehrfache Schäden auf, wird auch von einer Mehrfachverletzung oder einem Polytrauma gesprochen. ...
Seelische Verletzungen treten ebenfalls durch äußere Ereignisse auf. Beispiele hierfür sind: Flucht, Krieg, Kindesmisshandlung, Vernachlässigung, sexueller Missbrauch, Vergewaltigung, Mobbing, Verschüttungen bei Bergarbeitern u. v. a. m."
Definition von Angelika Birck: hier oder hier
Nicht immer führen schlimme Erlebnisse zu Traumata. Eine mitfühlende und erklärende Person kann u.U. helfen, das Schlimme zu verarbeiten. Sie kann helfen, die Erschütterung durch das Erlebte zuzulassen, zu durchleben und abklingen zu lassen.
Oft aber fehlt(e) diese Person.
Arbeit mit Traumata
Ein Trauma ist also eine Überforderung der seelischen Verarbeitungsmechanismen. Es bewirkt eine seelische Spaltung. Der Schmerz des Traumas muss vom fühlenden Bewusstsein abgespalten werden, bzw. gelangt erst gar nicht dorthin, weil er unerträglich ist. Das sog. explizite oder narrative (normale) Gedächtnis bekommt oft nichts vom Trauma mit, nur noch das "implizite Gedächtnis", weshalb Schlüsselreize dann "flashbacks", einen Rückfall ins Trauma-erleben, auslösen können. Hier gibt es weitere Infos zu diesem Vorgang im Gehirn, der auch "dissoziative Amnesie" genannt wird.
Außerdem werden "gefährliche" Regungen und Verhaltensweisen unterdrückt, z.B. Weinen, Schreien, Wut, eigene Wünsche und Bedürfnisse, Streben nach Unabhängigkeit und Selbständigkeit, Nachfragen nach Tabu-themen.
Die Abspaltung hilft, zu überleben. Allerdings besteht die Spaltung auch dann fort, wenn das Trauma bzw. die Gefahr vorüber ist. Sie schränkt die Wahrnehmungs- und Verhaltensmöglichkeiten ein, raubt seelische Kraft und drückt sich oft in in körperlichen und seelischen Symptomen aus, deren Zusammenhang mit
dem Ursprung häufig gar nicht mehr gesehen und gespürt wird, wie
Überforderung, innere Leere, sich ausgeschlossen fühlen, Antriebslosigkeit, starke Verletzlichkeit, Gefühllosigkeit, Ängste aller Art.
Das Selbstwertgefühl wird in Mitleidenschaft gezogen, existentielle Unsicherheit und Fremdheitsgefühle (nicht wissen, wo man dazu gehört) können auftreten.
Da die Seele unbewusst nach Ganzheit und Integration strebt, inszenieren sich traumatische Situationen (z.B. Übergriffe) im Leben immer wieder, wie unter einem Wiederholungszwang. Dieser Zwang kann erst durch die Arbeit mit dem Trauma aufgelöst werden.
Daher ist es wichtig, an den Anfang der Traumatisierung zu kommen. Hier gibt es mehrere Möglichkeiten:
- aus früheren Generationen (Eltern, Großeltern, Urgroßeltern) sog.
mehrgenerationale Traumata. Da traumatisierte Eltern emotional für ihre Kinder nicht richtig da sein können, geben sie ihre eigenen Traumata - unbewusst und ohne es zu wollen - auch an ihre Kinder weiter, oft über mehrere Generationen hinweg. Dies geschieht vor allem über die Mutter-Kind-Bindung. - vorgeburtliche / die Zeit der Schwangerschaft betreffende, sog. pränatale Traumata, z.B. ungewollte Schwangerschaft / Ablehnung durch die Mutter, Trennung des Vaters von der Mutter, Vergewaltigung als Anfang oder während der Schwangerschaft, Abtreibungsversuche, belastende Erlebnisse der Mutter
- die Geburt selbst betreffende, sog. natale Traumata, z.B. Komplikationen (Sauerstoffmangel, Nabelschnur um den Hals), Frühgeburt, Kaiserschnitt, unnötige und / oder Schmerzen verursachende Maßnahmen wie Zangengeburt, Beschneidung, Trennung von der Mutter
- nachgeburtliche, sog. postnatale Traumata z.B. durch Vernachlässugung, Gewalt, verbale und nonverbale Abwertungen, die wiederum negative Einreden zur Folge haben.
Meist haben die drei letzgenannten Traumaarten eine mehrgenerationale Komponente bzw. Vorgeschichte.
Mir ist es in der psychotherapeutischen Arbeit mit Menschen, die traumatisiert sind, sehr wichtig, achtsam und behutsam vorzugehen. So kann der Zugang zu eigenen Gefühlen allmählich wieder hergestellt werden, Ängste und Misstrauen können abgebaut werden, das Selbstwertgefühl kann wachsen.
In der Traumatherapie arbeite ich mit drei Persönlichkeitsanteilen oder -modi, deren Charakteristika hier beschrieben werden:
Der Überlebensanteil
Er ist meist aktiv, zupackend, "funktionierend". Er verkörpert Stärke, Unerschütterlichkeit und wertet zugleich Schwäche ab. Entweder werden Probleme verharmlost, oder ganz geleugnet. Eine Veränderung hält er von vornherein für unnötig, da es ihm ja "gut" geht. Falls die Probleme (z.B. in einer Krise) nicht mehr zu leugnen sind, kann er gleichzeitig paradoxerweise überzeugt sein, dass es keine Hoffnung auf positive Veränderung im Leben (z.B. durch Therapie) für ihn gibt. Er nimmt insofern eine "Opferhaltung" ein und stabilisiert sich selbst (selbsterfüllende Prophezeihung). Diese Selbststabilisierung kann auch durch Suchtmechanismen oder ein körperliches Symptom geschehen. Letztlich sind dies alles Fluchtversuche bzw. die Vermeidung, sich mit dem eigenen Trauma zu beschäftigen.
Der Traumaanteil
In ihm ist der alte Schmerz der Traumaerfahrung gleichsam "eingefroren". Er leidet darunter, vom Überlebensanteil abgelehnt und verdrängt zu werden. Solange er nicht gesehen und erlöst wird, wiederholt sich das Ur-trauma (z.B. Verlassen werden) im Leben immer wieder. Es braucht oft viel Mut, den alten Schmerz anzuschauen und auszudrücken, zugleich wirkt es befreiend, weil es hilft, sich besser zu verstehen.
Der gesunde Anteil
Er kann lernen, zu unterscheiden, in welchem Persönlichkeitsmodus man sich gerade befindet. Er kann die Abwehr und die Hoffnungslosigkeit des Überlebensanteils in Frage stellen. Er unterstützt die Annäherung an den Schmerz des Traumas und so den Heilungsprozess. In der therapeutischen Arbeit kristallisiert er sich im Anliegen des Klienten.
Trauma-Aufstellungen
Sie sind eine besondere Form der Familienaufstellung / des Familienstellens.
In der Gruppe stellt die aufstellende Person je nach Anliegen Stellvertreter für eigene Anteile, Symptome, oder Familienmitglieder auf. Diese beginnen dann, aus ihren aufsteigenden Empfindungen heraus zu reden und zu agieren. Als Therapeut greife ich hier nicht ein, damit das System unbeeinflusst die innere Wirklichkeit des Aufstellenden widerspiegeln kann.
In der Einzelarbeit geschieht die Traumaaufstellung mit Symbolen (z.B. Kartons, die mit Genogramm-symbolen beschriftet sind) für die aufgestellten Symptome oder Stellvertreter. Der Klient stellt sich nacheinander auf die Symbole und fühlt sich in die betreffende Position und Rolle ein. Die dabei auftretenden Gefühle, Körperempfindungen, inneren Bilder und Gedanken liefern wertvolle diagnostische Hinweise im Blick auf das aufgestellte System.
In den Traumaaufstellungen kann sich auf diese Weise der Sinn und die Ursache der Symptome zeigen. Manchmal hält der Überlebensanteil hartnäckig an seiner Strategie fest. Im günstigen Fall kann sich die aufstellende Person ihrem Traumaanteil nähern und sich von seinem Schicksal berühren lassen. Dies kann klärend, erleichternd und heilsam wirken und kann nach und nach die durch das Trauma entstandene Spaltung aufheben. Die Person wird vollständiger, kommt mehr zu sich selbst. Die verschütteten Quellen der Lebensfreude können wieder fließen.
EMDR
bedeutet "Eye Movement Desensitization and Reprocessing" und ist u.a. eine Möglichkeit, die ich einsezte, um ein Trauma zu bearbeiten, das von einem (abgrenzbaren) belastenden Ereignis herrührt.
Ein schönes Gedicht von Luise Reddemann drückt die Erfahrung von Heilung so aus:
Neu beginnen
Zuerst nach dem Grauen
Überleben lernen.
Misstrauen lernen
Die Zähne zusammenbeißen lernen
Sich verschließen lernen
Nichts mehr davon wissen wollen lernen
Durchalten und kämpfen lernen.
Dann - vielleicht
weil dein Hartsein
dich langsam zu töten beginnt -
dem Leiden einen Namen geben.
Das Schweigen brechen.
Dem Schrei erlauben,
das Herz zu verbrennen
und die Welt
in Asche versinken zu lassen. Mit trockenen Tränen
das Licht löschen
stumm werden
in der Dunkelheit!
Jetzt - endlich
der Stille lauschen.
Einem anderen Leuchten
Raum geben und sich davon
berühren lassen.
Und dann
leben lernen
hoffen lernen
lächeln lernen
berühren und berührt werden lernen
vertrauen lernen
lieben lernen.
Luise Reddemann. Imagination als heilsame Kraft. Zur Behandlung von Traumafolgen mit ressourcenorientierten Verfahren. Pfeiffer bei Klett-Cotta (Reihe Leben lernen Nr. 141) Stuttgart 2001, S. 174
Mit freundlicher Genehmigung des Verlages. Die Genehmigung gilt nicht für Dritte!
Ruppert, F. und Freund, Ch., Hyperaktivität und ADHS. Erkenntnisse über die Ursachen der Unruhe von Kindern aus zwei Aufstellungsseminaren, in: Praxis der Systemaufstellung. Beiträge zu Lösungen in Familien und Organisationen (1/2007),74-82 (Word-Dokument, 112 KiB)
Übungen zum Aufbau von Ressourcen
Imaginationsübungen zur Traumatherapie (PDF)
Vorgehen bei Traumata - Phasen der Traumatherapie
Gezeichnet fürs Leben? - Ein Interview mit Prof. Hilarion Petzold zum Thema "Traumatisierung" (PDF-Dokument)
(zur Traumatherapie siehe folgende GFK-Tagung Traumatherapie 31.10.-02.11.2002 in Ansbach, PDF-Datei, v.a. die physiologischen Hintergründe sind interessant)
© Thomas Frister, Heilpraktiker für Psychotherapie, Stuttgart